Bildschirmschoner
Langsam läuft der Satz über meinen Computerbildschirm. Pinkfarbene Schrift auf rotem Hintergrund, Arial, zehn Punkt. Ich schaue dem Satz zu. Von rechts nach links gleitet er über den Schirm, er ist mein Bildschirmschoner.Die Sonne scheint. Durch das Eckfenster meines Zimmers fällt weißes Herbstlicht auf das Parkett, auf meine Hand. Ich sitze in meinem Zimmer. Vor dem Fenster öffnet sich ein Platz, an dessen Ende ein Hochhaus aus den Siebzigern steht. Wie ein Fremdkörper wirkt es zwischen all den weiß getünchten Altbauten mit ihrem Stuck und den Balkonen. Ich mag das Hochhaus. Steil ragt es in den Himmel, ein betongraues Bollwerk gegen irgendwas. Ich denke an Felix und seine weichen Lippen und dass ich ihn gern küssen möchte. Der Gedanke sticht in meinem Magen. Das ist die Sehnsucht. Seit fünf Monaten lebt die Sehnsucht in mir wie ein Parasit. Manchmal steigt sie mir in die Kehle und nimmt mir die Luft zum Atmen. Vor fünf Monaten ging Felix nach New York, an ein Theater, um dort Musik zu machen. Ich blieb zurück in meinem Zimmer in dem alten Haus, vor dem das Hochhaus steht und begann mit meiner Magisterarbeit. Mir blieb nichts anderes zu tun. Geld für New York habe ich nicht. Seitdem ich diese Arbeit schreibe, ist mein Leben ruhig geworden. Ich schaue das Hochhaus an, das Bollwerk, das vor meinem Fenster steht und mir die Weitsicht nimmt, als wollte es ein Zeichen sein für die Enge meiner Welt. Ich denke an Felix’ Augen, an seinen Geruch, die Küsse. Wie wir auf der Matratze liegen, in seinem gelb getünchten Zimmer, das Licht weich und orange. Wir hören alte Blondie-Songs und dösen zwischen Plattenstapeln. Ich denke daran, wie er mir über den Weg lief, abends beim Ausgehen, und ich ihm hinterher, an die Bar, ganz beiläufig. Ich habe mich neben ihn gestellt und ihn angelächelt. Hallo. So einen wollte ich haben, mit diesem Blick, der offen ist und gut. Unterhalten haben wir uns schlecht, ich war einfach zu nervös. Ein Promotion-Team kam und schenkte uns Parfüm, Laura. Er hielt mir sein Handgelenk hin, damit ich daran riechen konnte. Das war die erste Berührung. Dann fragte er, ob ich einen Whisky trinken wolle, bei ihm zu Hause, und ich ging mit. Ich blieb zwei Tage und zwei Nächte, zum Whiskytrinken und zum Vögeln. Felix machte mir Salat und spielte Songs vor von Madonna auf seiner E-Gitarre. Ich durfte in seinem Bett liegen und rauchen, obwohl er Zigarettenrauch nicht mag. Unterhalten haben wir uns gut. Alles war mühelos und leicht. So blieb das drei Jahre lang. Am Tag, als Felix wegging, schrieb ich eine E-Mail mit nur einem Satz. Der sollte ihm das Herz erweichen und ihn mir zurückbringen. Aber ich schickte ihn nicht ab, aus Angst, er sei zu schlicht. Ich sitze in meinem Zimmer. Starre auf den Computerbildschirm. Im immergleichen Rhythmus erscheint der Satz, Arial, zehn Punkt, und schwimmt seinem Ende entgegen. Ich schrieb den Satz am Tag, als Felix wegging, schickte ihn nicht ab und machte ihn zu meinem Bildschirmschoner. Auf meinem Computer gibt es ein Programm dafür. Der Himmel ist heute azurblau und groß, keine Wolkendecke drückt ihn nieder. Ich warte, dass er sich öffnet und mir Felix schenkt, ihn in mein Bett legt, das in einer Nische steht unter feuerrotem Stuck. Und Felix dann nicht mehr wegwill, nicht nach New York, nicht zur Musik. Aber nichts passiert.
von christine-koischwitz
von christine-koischwitz
probiotic - 27. Feb, 16:34
Excelente!!!
I read the text, Felix must be an excelent person.
Hope that everything for you will be better anytime.
Best Regards.
Victor Hugo Martin
(Your forever mexican friend)